Einsam wimmert das Grammophon in der Veranstaltungstonne der Moritzbastei. Plötzlich stürmt eine wilde Horde Männer die Bühne, ruft „Huh–Hah!“ und stellt sich in Formation auf. Die Tollkirschen haben nach einemJahr Probenzeit mit einem neuen Programm Premiere, und weil es „... in Nachbars Garten“ heißt, besingt der schwule Chor bei seiner Version von Ralph Siegels „Dschinghis Khan“ nicht das Leben des Mongolen-Fürsten, sondern das Kleingärtner-Dasein in den heimischen Gefilden.
Auch der Rest des Abends ist der Idylle zwischen den Heckenzäunen gewidmet. Der Gartenverein Männertreu hält eine Sitzung ab, die aus echten Mannsbildern bestehende Kleinplastik „Dwarfs on the Beach“, frei nach Andy Warhol, wird vom spießigen Nachbarn für obszön befunden, und Uschi undManfred lästern über den Studenten von nebenan. Zwischen den Sketchen wird nach altbewährter Art gesungen und getanzt. Klassiker wie „Lollipop“und „Er gehört zu mir“ fehlen nicht, der „Kleine grüne Kaktus“ wird in einem sehr eigenwilligen Arrangement dargebracht und mit „Schicksalsmelodie“ eine tragische Laubenromanze illustriert.
Nach den leiseren Tönen seufzt schon mal eine Zuschauerin auf. Beim Kracher des Abends, „A Banda“ von France Gall, ist die Begeisterung ungebremst, wie man es nur von großen Rockkonzerten kennt. Wie dieses Dutzend Männer Apfelsinen im Haar mit tuntigen Gesten unterstreicht, ist einfach zu komisch und zeugt von liebevoller Selbstironie. So erklingt nach Danksagungen an Chor-Leiterin Conny Schäfer, Choreografin Carla Kleinsorge und Schauspieler Eberhard Eichner „A Banda“ noch einmal, und die Zuschauer klatschen frenetisch mit.
Wie immer geben sich die Tollkirschen nicht perfekt und
feixen auch mal über ihre eigenen Albernheiten. Das
lässt, neben den herrlich umgesetzten Liedern, die gute Laune
entstehen, die selbst in Nachbars Garten ihreWirkung nicht verfehlt.
Janna Kagerer, LVZ 13-10-08, S. 11, --> Download
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„Jetzt hab ich keine Fragen mehr!“
TV-Richter Bartel Selisch ist über die Entwicklung des Falles
fassungslos. Das Attentat auf Uschi verübte nicht ihr Gatte,
sondern ihr Halbbruder mit dem dieser ein Techtelmechtel hatte. Ein
Streit entbrennt und Selisch überspielt die Situation mit
einem Werbeblock für Kaffee.
Am Freitag mutierte die Moritzbastei zum Fernsehstudio und strahlte die
Premiere des neuen Programms der Tollkirschen aus. „Der
(F)Lachbildschirm“ bringt volles Programm, angefangen mit
einer musikalischen Liebeserklärung an den Fernseher an sich.
Es folgt eine Serie von mit Liedern durchsetzten TV-Parodien und
schließlich wird die Ouvertüre wiederholt. Da
dürfen die Zuschauer den Refrain mitsingen. Selten sah man ein
so ausgelassen mitfeierndes Publikum.
Und der schwule Männerchor hat den häufigen
Zwischenapplaus und lang anhaltenden Schlussbeifall wirklich verdient:
schon wegen der schönen Auswahl an Liedern, der erstaunlichen
Bandbreite an Ideen und dem großartigen Humor, der durch die
witzigen Choreografien, aber auch durch die teilweise bewusst
dilettantisch gespielten Sketche entsteht. Beim Shopping-Kanal wird der
Schraubstyler präsentiert, mit dem sich Schminktisch und
Frisur gleichzeitig reparieren lassen.
Statt den „Teletuckies“ kommt der Sandmann in
musikalischem Kleid. In der Astroshow wird irrwitzig improvisiert und
das Publikum interaktiv integriert. Chorleiterin und Pianistin Conny
Schäfer alias Miss Hitch Cock spielt und singt ausgerechnet
bei der Serie „Golden Boys“ mit. Bei manchen
Nummern bringt es die Singende Dreizehn auf echte Meisterschaft
satirischer Komik. Ein bissiger Konsumrausch-Song zur Melodie von Louis
Armstrongs „Wonderful World“, die Sondersendung
über den Leipziger U-Bahn-Tunnel und das Parallel-Singen
dreier Jägerlieder bei Reise-TV gehören zu den
Höhepunkten des Abends. Und mit dem chorisch versetztem
Zitieren aus einem Reiseprospekt beweisen die Tollkirschen unglaubliche
Versiertheit in experimenteller Sprachkunst.
Janna Kagerer, LVZ 25-09-06, S. 7