Kritik LVZ (10.10.2011) · Tunten-Alarm
Gefeierte Tollkirschen-Premiere in der vollen Moritzbastei


„Ihr kommt nicht um uns herum, denn ihr seid das Publikum“. Diese Drohung aus dem selbstverfassten „Nachrichten-Lied“ des neuen Programms „Die Tollkirschen – machen‘s öffentlich“ ist durchaus ernst zu nehmen. Bei der Premiere am Samstag waren die Zuschauer in der ausverkauften Moritzbastei zwei Stunden lang dem von Schlagern, Chansons und Song-Parodien unterbrochenem Trash-Theater
ausgeliefert. Sie ließen es sich jedoch nicht nur gern gefallen, sondern begleiteten den Abend mit viel Zwischenapplaus und Heiterkeitsausbrüchen.
Im neuen Programm nehmen die musikalische Leiterin Conny Schäfer und ihre Gay Guys diesmal die Medienwelt aufs Korn. Den Rahmen bildet eine Redaktionssitzung. Der Chef kocht vor
Wut, denn die Brüllermeldung für das LTE (Leipziger Tunten-Echo) fehlt. An theatralisch-musikalischen Brüllern mangelt es dagegen nicht. Wenn die Tollkirschen zur „Berliner Luft“ anmutig
schwul herumhüpfen, aus „La Donna e mobile“ eine Arie über das Denglish-Fieber machen oder die „Moritat von den frittierten Katzen“ mit Plüschtieren illustrieren, bleibt kein Auge trocken.
Dem Zitieren absurder US-Gesetzesbestimmungen aus dem Laptop mit Birnenlogo folgt eine großartig arrangierte Version vom „Englishman in New York“. Wenig später sagt Wetterhexe Christian von Tunten-TV mit ausladenden Bewegungen „Dief Detleeef“ und einen Regenbogen über Berlin-Schöneberg
voraus. Von der Kaltfront ist es nur ein kleiner Schritt zum „Pinguin Mambo“, bei dem 14 Männer wasservogelartig tanzend den Saal zum Toben bringen. Zugabe-Rufe erfolgen noch vor der Pause.
Auch die zweite Halbzeit bietet Höhepunkte. Ein dreigeteilter A-Capella-Chor besingt statt „Girls, Girls, Girls“ entsprechend viele „Kerls“; Manfred und Uschi werfen sich wie in den Programmen zuvor liebenswerte Boshaftigkeiten an den Kopf.
Mit dem Skandieren von „Pinguin! Pinguin!“ zwingt man die Tollkirschen am Ende dieses tollen Abends zu einem finalen Mambo – nach dem Motto „Ihr kommt nicht um uns herum, denn wir sind das Publikum.“

Janna Kagerer, LVZ 10-10-2011, S. 11, --> Download (PDF)

Radiobeitrag Mephisto 97.6 (21.09.2010) · Die Tollkirschen - nicht giftig sondern berauschend

 
Radiobeitrag als mp3
Radiobeitrag auf der Webseite von Mephisto

Kritik LVZ (13.10.2008) · Treue Männer
Umjubelte Premiere: Die Tollkirschen in der Moritzbastei

Einsam wimmert das Grammophon in der Veranstaltungstonne der Moritzbastei. Plötzlich stürmt eine wilde Horde Männer die Bühne, ruft „Huh–Hah!“ und stellt sich in Formation auf. Die Tollkirschen haben nach einemJahr Probenzeit mit einem neuen Programm Premiere, und weil es „... in Nachbars Garten“ heißt, besingt der schwule Chor bei seiner Version von Ralph Siegels „Dschinghis Khan“ nicht das Leben des Mongolen-Fürsten, sondern das Kleingärtner-Dasein in den heimischen Gefilden. 

Auch der Rest des Abends ist der Idylle zwischen den Heckenzäunen gewidmet. Der Gartenverein Männertreu hält eine Sitzung ab, die aus echten Mannsbildern bestehende Kleinplastik „Dwarfs on the Beach“, frei nach Andy Warhol, wird vom spießigen Nachbarn für obszön befunden, und Uschi undManfred lästern über den Studenten von nebenan. Zwischen den Sketchen wird nach altbewährter Art gesungen und getanzt. Klassiker wie „Lollipop“und „Er gehört zu mir“ fehlen nicht, der „Kleine grüne Kaktus“ wird in einem sehr eigenwilligen Arrangement dargebracht und mit „Schicksalsmelodie“ eine tragische Laubenromanze illustriert. 

Nach den leiseren Tönen seufzt schon mal eine Zuschauerin auf. Beim Kracher des Abends, „A Banda“ von France Gall, ist die Begeisterung ungebremst, wie man es nur von großen Rockkonzerten kennt. Wie dieses Dutzend Männer Apfelsinen im Haar mit tuntigen Gesten unterstreicht, ist einfach zu komisch und zeugt von liebevoller Selbstironie. So erklingt nach Danksagungen an Chor-Leiterin Conny Schäfer, Choreografin Carla Kleinsorge und Schauspieler Eberhard Eichner „A Banda“ noch einmal, und die Zuschauer klatschen frenetisch mit. 

Wie immer geben sich die Tollkirschen nicht perfekt und feixen auch mal über ihre eigenen Albernheiten. Das lässt, neben den herrlich umgesetzten Liedern, die gute Laune entstehen, die selbst in Nachbars Garten ihreWirkung nicht verfehlt.
 
Janna Kagerer, LVZ 13-10-08, S. 11, --> Download (PDF)

Kritik LVZ (25.09.2006) · „Der (F)Lachbildschirm“ · Moritzbastei
Tollkirschen bejubelt

„Jetzt hab ich keine Fragen mehr!“ TV-Richter Bartel Selisch ist über die Entwicklung des Falles fassungslos. Das Attentat auf Uschi verübte nicht ihr Gatte, sondern ihr Halbbruder mit dem dieser ein Techtelmechtel hatte. Ein Streit entbrennt und Selisch überspielt die Situation mit einem Werbeblock für Kaffee.
 
Am Freitag mutierte die Moritzbastei zum Fernsehstudio und strahlte die Premiere des neuen Programms der Tollkirschen aus. „Der (F)Lachbildschirm“ bringt volles Programm, angefangen mit einer musikalischen Liebeserklärung an den Fernseher an sich. Es folgt eine Serie von mit Liedern durchsetzten TV-Parodien und schließlich wird die Ouvertüre wiederholt. Da dürfen die Zuschauer den Refrain mitsingen. Selten sah man ein so ausgelassen mitfeierndes Publikum.
 
Und der schwule Männerchor hat den häufigen Zwischenapplaus und lang anhaltenden Schlussbeifall wirklich verdient: schon wegen der schönen Auswahl an Liedern, der erstaunlichen Bandbreite an Ideen und dem großartigen Humor, der durch die witzigen Choreografien, aber auch durch die teilweise bewusst dilettantisch gespielten Sketche entsteht. Beim Shopping-Kanal wird der Schraubstyler präsentiert, mit dem sich Schminktisch und Frisur gleichzeitig reparieren lassen.
 
Statt den „Teletuckies“ kommt der Sandmann in musikalischem Kleid. In der Astroshow wird irrwitzig improvisiert und das Publikum interaktiv integriert. Chorleiterin und Pianistin Conny Schäfer alias Miss Hitch Cock spielt und singt ausgerechnet bei der Serie „Golden Boys“ mit. Bei manchen Nummern bringt es die Singende Dreizehn auf echte Meisterschaft satirischer Komik. Ein bissiger Konsumrausch-Song zur Melodie von Louis Armstrongs „Wonderful World“, die Sondersendung über den Leipziger U-Bahn-Tunnel und das Parallel-Singen dreier Jägerlieder bei Reise-TV gehören zu den Höhepunkten des Abends. Und mit dem chorisch versetztem Zitieren aus einem Reiseprospekt beweisen die Tollkirschen unglaubliche Versiertheit in experimenteller Sprachkunst.
 
Janna Kagerer, LVZ 25-09-06, S. 7